Seit Jahrzehnten ist Rollstuhlfahren in der Schweiz mehr als eine körperliche Einschränkung – es ist ein Statement über Selbstbestimmung und Innovation. Die Plattform rollero.rollero.ch/ zeigt, wie Rollstuhlfahrer:innen aktiv an der Gestaltung von Mobilität, Technologie und gesellschaftlicher Teilhabe mitwirken. Doch was steckt hinter diesem Projekt, und wie verändert es die Perspektive auf Barrierefreiheit? Die Antwort liegt weniger in den technischen Details als in der kulturellen Wende: Rollstuhlfahrer:innen werden nicht als Benutzer:innen von Hilfsmitteln betrachtet, sondern als Gestalter:innen einer inklusiven Zukunft.
Von der Idee zur Plattform: Wie Rollstuhlfahrer:innen die Schweiz verändern
Die Initiative rollero.ch entstand 2019 als Reaktion auf die immer noch unzureichende Barrierefreiheit in der Schweiz. Während internationale Städte wie Barcelona oder Wien bereits flächendeckende Lösungen für Rollstuhlfahrer:innen bieten, bleibt die Schweiz hinterher. Laut einer Studie des Bundesamts für Sozialversicherungen (BSV) von 2022 nutzen nur etwa 40 Prozent der Rollstuhlfahrer:innen in der Schweiz öffentliche Verkehrsmittel – ein Wert, der in Ländern wie Deutschland oder Österreich deutlich höher liegt. rollero.ch will diese Lücke schliessen und zeigt, wie Mobilität ohne Barrieren aussehen kann.
An der Plattform sind über 1500 Rollstuhlfahrer:innen aus ganz der Schweiz beteiligt, die nicht nur ihre Erfahrungen teilen, sondern auch konkrete Projekte entwickeln. Ein Beispiel ist das Projekt «Barrierefreie Strassen», bei dem die Nutzer:innen mit Hilfe von 3D-Modellen und Bürgerwissenschaft (Citizen Science) die besten Lösungen für rollstuhlgerechte Gehwege in Gemeinden wie Zürich oder Basel vorantreiben. Die Ergebnisse werden direkt an die Gemeinden übermittelt – ein Modell, das bisher in der Schweiz einzigartig ist.
Technologie als Werkzeug: Wie KI und Sensorik Rollstuhlfahren revolutioniert
Technologisch setzt rollero.ch auf offene Standards und partizipative Entwicklung. Ein zentrales Projekt ist das «rollero Mapping Tool», ein digitales Werkzeug, das mit Hilfe von KI und LiDAR-Sensoren in Echtzeit Barrieren in der Stadt erkennt. Nutzer:innen können damit nicht nur ihre eigenen Routen optimieren, sondern auch lokale Behörden bei der Planung unterstützen. Besonders innovativ ist die Integration von «Smart Mobility», etwa durch die Entwicklung von Apps, die nicht nur Hindernisse, sondern auch Echtzeitdaten zu öffentlichen Verkehrsmitteln liefern – etwa wenn ein Bus zu spät kommt oder ein Aufzug ausfällt.
Ein weiteres Beispiel ist das Projekt «Voice-Controlled Navigation», bei dem Rollstuhlfahrer:innen ihre Geräte per Sprachbefehl steuern können. Die Plattform kooperiert dabei mit Schweizer Unternehmen wie der ETH Zürich oder der Universität St. Gallen, um solche Lösungen zu testen. Die Ergebnisse werden dann offen zugänglich gemacht, damit andere Entwickler:innen davon profitieren können. Das Ziel ist klar: Technologie soll nicht nur die Mobilität verbessern, sondern auch die Teilhabe sichern.
- Laut einer Studie des BSV von 2022 nutzen nur 40 Prozent der Rollstuhlfahrer:innen in der Schweiz öffentliche Verkehrsmittel – ein Rückstand gegenüber Ländern wie Deutschland oder Österreich.
- rollero.ch hat über 1500 aktive Rollstuhlfahrer:innen aus der ganzen Schweiz, die an partizipativen Projekten wie «Barrierefreie Strassen» oder «Smart Mobility» mitwirken.
- Das «rollero Mapping Tool» nutzt KI und LiDAR-Sensoren, um in Echtzeit Barrieren in der Stadt zu erkennen und Gemeinden bei der Planung zu unterstützen.
- Die Plattform kooperiert mit der ETH Zürich und der Universität St. Gallen, um innovative Lösungen wie Sprachsteuerung für Rollstühle zu entwickeln.
- Seit 2019 hat rollero.ch bereits über 20 Pilotprojekte in Gemeinden wie Zürich, Basel und Bern umgesetzt, die die Barrierefreiheit nachhaltig verbessern sollen.
Gesellschaftlicher Wandel: Warum Rollstuhlfahrer:innen die Zukunft der Teilhabe prägen
Doch rollero.ch ist mehr als ein technisches Projekt – es ist ein kultureller Wandel. In der Schweiz wird Rollstuhlfahren oft noch als «Notfall» betrachtet, wenn jemand nicht mehr auf eigenen Beinen steht. Doch die Rollstuhlfahrer:innen der Plattform zeigen, dass Mobilität für alle möglich ist, wenn die richtigen Rahmenbedingungen geschaffen werden. Ein Beispiel ist das Projekt «Inklusive Städte», bei dem die Nutzer:innen mit Hilfe von Bürgerbeteiligung konkrete Vorschläge für barrierefreie Stadtplanung machen.
Besonders beeindruckend ist, dass viele dieser Projekte nicht nur die physische Infrastruktur verbessern, sondern auch die gesellschaftliche Akzeptanz stärken. Rollstuhlfahrer:innen werden nicht mehr als «Besondere» behandelt, sondern als gleichberechtigte Teil der Gesellschaft. Das ist ein wichtiger Schritt, um die Schweiz auf den Weg zu einer inklusiven Zukunft zu bringen – einer, in der niemand ausgeschlossen wird, nur weil er oder sie Rollstühle nutzt.
Die Herausforderungen: Warum die Umsetzung noch nicht flächendeckend gelingt
Trotz aller Fortschritte gibt es noch viele Hürden. Ein zentrales Problem ist die langsame Umsetzung von Barrierefreiheit in der Schweiz. Während viele öffentliche Gebäude bereits zugänglich sind, fehlen oft noch die notwendigen Investitionen in die Infrastruktur. Zudem gibt es eine starke Hierarchie in der Gesellschaft, die Rollstuhlfahrer:innen oft nicht ernst genug nimmt. rollero.ch versucht, diese Dynamik zu ändern – nicht durch Vorwürfe, sondern durch konkrete Lösungen und partizipative Prozesse.
Ein weiteres Problem ist die fehlende Standardisierung. Während es in anderen Ländern klare Richtlinien gibt, wie Barrierefreiheit definiert wird, fehlen in der Schweiz oft klare Vorgaben. rollero.ch möchte hier eine Brückenfunktion übernehmen und gemeinsam mit Gemeinden und Politik konkrete Massnahmen entwickeln. Das Ziel ist klar: Eine Schweiz, in der Rollstuhlfahrer:innen nicht nur mit, sondern mitbestimmen können.